Insight 14.07.2026
Wenn selbst die Aufsicht zu langsam ist: Warum Deutschland beim Netzanschluss jetzt handeln muss
Ralf Lanzrath

Die FAZ kritisiert die Bundesnetzagentur für ihre eigene Langsamkeit bei der Kontrolle der Verteilnetzbetreiber. Für Unternehmen wie PAUL Tech ist das keine abstrakte Regulierungsdebatte, sondern gelebte Praxis: Wo Stromanschlüsse für Wärmepumpenkaskaden fehlen, behelfen wir uns mit Baustromkästen – während Genehmigungen sich über Monate ziehen und die zuständige Behörde selbst erst 2029 nachschärft.
Die Aufsicht rügt die Netzbetreiber – und muss sich selbst rügen lassen
Die FAZ beschreibt den Fall Westnetz als schlechtes Vorzeichen: Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber scheiterte an einer IT-Umstellung, Anschlussbegehren wurden zu langsam abgearbeitet, Kunden kamen nicht rechtzeitig an ihr Geld. Die Bundesnetzagentur reagierte mit einem Verfahren und öffentlicher Schelte – ob daraus mehr folgt, ist offen.
Entscheidend ist aber der zweite Teil der Analyse: Lange Bearbeitungszeiten sind kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Und die Behörde, die genau das kontrollieren soll, kämpft nach eigenem Eingeständnis noch mit Prüfmethoden, die nicht mit der Komplexität der Energiewende mitgewachsen sind. Wer Wärmepumpen, Solaranlagen, Wallboxen und Speicher kombiniert anschließen will, trifft auf ein Kontrollsystem, das dafür nicht gebaut wurde.
Der Baustromkasten als Symbol eines strukturellen Versagens
Bei PAUL Tech erleben wir die in der FAZ beschriebene Überforderung der Netzbetreiber sehr konkret. Unsere Wärmepumpenkaskaden benötigen deutlich stärkere Stromanschlüsse als eine klassische Gasheizung. Genau diese Anschlüsse sind es, bei denen lokale Verteilnetzbetreiber am längsten brauchen – Genehmigungen ziehen sich über Monate, Rückfragen verzögern zusätzlich, verbindliche Fristen fehlen.
Die Folge: Wir müssen Projekte immer wieder mit Baustromkästen überbrücken. Das ist teurer und es zeigt, wie weit die Realität auf der Baustelle von den Diagrammen der Regulierungsperioden entfernt ist.
„Nest“ zeigt: Tempo ist im System schlicht nicht vorgesehen
Besonders bezeichnend ist der Zeitplan hinter dem Reformprozess der Bundesnetzagentur, intern „Nest“ genannt: Neue Effizienzanreize für die Netzbetreiber im Strombereich sollen laut FAZ frühestens 2029 kommen, kürzere Regulierungsperioden mit häufigeren Kostenprüfungen sogar erst 2034. Bis dahin bleiben Schlupflöcher wie das sogenannte „Fotojahr“ bestehen, in dem Netzbetreiber Kosten gezielt bündeln können, um sie über eine ganze Regulierungsperiode fortzuschreiben.
Für ein Unternehmen, das heute Wärmepumpenprojekte umsetzen will, ist ein Reformhorizont von acht Jahren fast schon ein schicksalsbehafteter Zeitraum. Es sind acht Jahre, in denen weiter mit Baustromkästen improvisiert werden muss, während anderswo über Eigenkapitalrenditen bei Netzbetreibern diskutiert wird, die laut Bundesverband Neue Energiewirtschaft im Schnitt höher liegen als bei Industriekonzernen wie Rheinmetall oder Siemens Energy.
Hohe Renditen bei schwacher Leistung sind kein Widerspruch
Die FAZ benennt das Kernproblem unverblümt: Auf der einen Seite steht bei den Netzbetreibern schwache operative Leistung, auf der anderen stehen als „risikolose Traumrenditen“ kritisierte Eigenkapitalrenditen. In einem regulierten Monopolmarkt ist das eine Kombination, die sich niemand leisten kann, der auf schnellere Netzanschlüsse angewiesen ist. Wenn Investitionsanreize und Servicequalität auseinanderfallen, fehlt genau der Hebel, der Verteilnetzbetreiber zu schnelleren Anschlussverfahren bewegen würde.
Was jetzt passieren muss
Die Bundesnetzagentur hat nach einem EU-Gerichtsurteil von 2021 erhebliche Gestaltungsmacht über die Regeln des Netzausbaus. Diese Macht sollte sie jetzt auch nutzen, um Tempo in das System zu bringen – nicht erst ab 2029 oder 2034:
- Verbindliche, kurze Fristen für Anschlussgenehmigungen – durchsetzbar, nicht nur empfohlen.
- Schnellere Kostenprüfungen statt eines einzigen „Fotojahres“ pro Regulierungsperiode, um Mitnahmeeffekte zu verhindern.
- Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der eigenen Aufsicht der Bundesnetzagentur – wenn sie das von Netzbetreibern fordert, muss sie es selbst vormachen.
- Ein Belohnungssystem für Netzbetreiber, die Wärmepumpentaugliche Anschlüsse schnell liefern, statt Investitionsanreize an Renditen zu koppeln, die unabhängig von der Servicequalität fließen.
Unternehmen wie PAUL Tech können die Wärmewende technisch und wirtschaftlich schon heute liefern. Was fehlt, ist ein Netzanschlusssystem, das genauso schnell arbeitet wie die Technologie, die daran angeschlossen werden soll.
Eine Behörde, die Netzbetreiber zu Recht für Langsamkeit rügt, darf sich selbst keine acht Jahre Zeit für ihre eigene Modernisierung lassen.
PAUL Tech AG
Fazit
Der Netzanschluss ist nicht nur ein Problem der Verteilnetzbetreiber, wie wir in unserem letzten Beitrag zu diesem Thema aufgezeigt haben. Er ist auch ein Problem der Aufsicht selbst. Solange die Bundesnetzagentur ihre eigenen Reformen erst für 2029 und 2034 ansetzt, bleibt der Baustromkasten das treffendste Symbol für den Zustand der deutschen Energiewende: eine Zwischenlösung, die zur Dauerlösung wird, weil das System nicht schnell genug mitkommt.
Wer moderne, elektrifizierte Wärmeversorgung im Bestand ernsthaft will, muss auch die Behörde in die Pflicht nehmen, die über deren Tempo entscheidet.
Quelle: Nadine Bös, „Nicht im Nest gemütlich machen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2026, S. 15.
Bezug: „Der Netzanschluss ist zum Nadelöhr der Wärmewende geworden“